„Klimaschutz vom Paketzusteller her denken“

Das Leben mit dem guten Gewissen, das fair gehandelte Produkte, Bio-Waren oder eben auch Mobilität beinhaltet, droht zu einem Luxusartikel zu werden. Es ist teuer. Mit dem Geldbeutel wird heute darüber entschieden, wer zu den vermeidlich Guten und wer zu den Bösen gehören soll - zumindest wird das den Bösen fahrlässig suggeriert.

Genauso fahrlässig wird mal eben über CO2-Steuern oder City-Mauts philosophiert. Kein Problem für diejenigen, denen es gut geht. Für das gute Gewissen opfert diese Gruppe gerne schon mal kleine Bruchstücke des eigenen Lebensstils.

Was die Fahrlässigkeit solcher Diskussionen allerdings bei der Witwe mit kleiner Rente, der alleinerziehenden Einzelhandelskauffrau oder dem Paketzusteller auslöst, ist erst einmal zweitrangig. Häufig wird einem dann jedoch entgegen gehalten, dass materielle Anliegen zurück zu stehen haben. Dann hört man Sätze wie: „Ja, dann verschwinden eben Jobs in der Autoindustrie!“ Wenn der Klimawandel erst einmal voll durchschlage, dann könne man sich eh von den heutigen irdischen Anliegen nichts kaufen. Da müssten die eigenen Ansprüche dann eben zurückgestellt werden.

Krasser kann man die kulturelle und materielle Kluft zwischen den Gewinnern und den Verlierern unserer Gesellschaft selbst kaum ausdrücken.

 

Die Europawahlergebnisse haben den Grünen starke Zugewinne gebracht. Die Anteile deuten aber nicht auf eine „grüne Republik“ hin. 20,5% bedeuten jedenfalls, dass 79,5% den Rigorismus der Grünen nicht gewählt haben. Ob die Grünen es also wirklich geschafft haben das Thema „Kampf gegen den Klimawandel“ massentauglich bzw. zum Teil politischer Popkultur zu machen, die auch in Fußball- und Kleingartenverein oder an der Theke gut ankommt ist zweifelhaft. Eine große Mehrheit sieht jedenfalls anders aus. Und die Gespräche, die man führt deuten darauf hin, dass das Bild bei denen mit kleinem Geldbeutel sogar in eine abwehrende Haltung gegenüber diesem Thema übergeht.

 

Klimaschutzpolitik muss aber massentauglich, muss zu politischer Popkultur bei einer großen Mehrheit werden. Sie muss als Teil der sozialen Frage angenommen werden und ihren moralischen Rigorismus ablegen. Klimaschutzpolitik darf nicht bei den gut Begüterten ansetzen. Klimaschutzpolitik muss von denen mit wenig in der Tasche her gedacht werden. „Fördern statt fordern“ muss das Motto sein:

  • Straßen müssen begrünt werden. Dabei brauchen die Städte und Gemeinden das nötige Geld, nicht zuletzt auch für die Grünpflege. Das wirkt nicht nur einer negativen innerstädtischen Klimaentwicklung entgegen, sondern erhöht die Lebensqualität für den Paketzusteller mit seiner Familie im belasteten Quartier.
  • Schall- und Emissionsschutz müssen für die benachteiligten Wohnlagen massiv ausgebaut werden. Es kann nicht sein, dass die Krankenschwester nach einer harten Schicht erschöpft in ihre günstige Wohnung an der stark befahrenen Landstraße kommt, um dann nicht zur Ruhe kommen zu können.
  • Es müssen in einem massiven Umfang Gelder frei gemacht werden, damit die Wohnung der Menschen in den weniger schönen Stadtteilen do umgebaut werden können, dass sie den Tag besser überstehen und in heißen Sommernächten besser schlafen können - dass sie schlichtweg vor den Folgen des Klimawandels geschützt werden. Der Straßenbauer soll im Sommer einen Unterschied zwischen seinem Arbeitsplatz und seiner Wohnung merken können.
  • Die Taktungen von Bussen und Bahnen durch sozial belastete Quartiere fahren mit einer hohen Taktung und ihre Nutzung kostet nicht mehr als ein Euro pro Tag. Mobilstationen mit ausleihbaren E-Scootern, E-Rollern und Pedelcs stehen zur Verfügung und können einfach über das Monatsticket für Bus und Bahn genutzt werden. Ich muss der alleinerziehenden Einzelhandelskauffrau Alternativen zum Auto geben, die maximale Flexibilität bieten. Diese Alternativen müssen zudem im Geldbeutel der Einzelhandelskauffrau deutliche Vorteile zum Auto bieten.

Viele weitere Punkte könnte man ergänzen. Auf welche der Maßnahmen man jedoch auch schaut: sie kosten Geld, viel Geld! Eine der entscheidendsten Grundlagen wird eine zufrieden stellende finanzielle Ausstattung der Städte und Gemeinden sein. Sie sind die Experten und Manager vor Ort.
Wenn ambitionierte Klimaschützer also einen Beitrag dazu leisten wollen, dass Klimaschutz zur politischen Popkultur wird: fördern wir die Krankenschwester, den Straßenbauer und die Einzelhandelskauffrau anstatt sie mehr zu fordern als sie es ohnehin schon sind. Auch die rigorosen Klimaschützer müssen eine gerechtere Verteilung der Mittel unserer Gesellschaft in den Vordergrund stellen, damit die notwendigen Finanzen bereit stehen. Kommt vielleicht in den wohlhabenden Vierteln, wo man gerade die hohen Stimmenanteile macht nicht so gut an. Wenn das allerdings nicht geschieht wird Klimaschutzpolitik eine musikalische Nische der moralischen Rigoristen sein, die in Fußball- und Kleingartenverein oder Kneipentheke nie Anklang findet.

(Hendrik Bollmann, SPD - OV Röhlinghausen)

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